Sonntag, 9. Juni 2013

"Shades of Grey: Gefährliche Liebe" von E.L. James

Der Meister eines absurden und verdrehten Paralleluniversums.

 Ja, ich gestehe, ich konnte es kaum erwarten endlich den zweiten Teil "Gefährliche Liebe" in den Händen halten zu können. Schließlich hatte mich die Geschichte um Ana und Christian so sehr gefesselt, dass ich wissen wollte, wie es nach dem dramatischen Finale zwischen den beiden weitergeht.

Doch meine Euphorie verzog sich hinter das viel zitierte Sofa, wo es zusammen mit dem Unterbewusstsein Anas "innere Göttin" verhaute. Während des Lesens taten sich nämlich so einige Abgründe auf, die mich fragen ließen: "Muss das denn sein? Hätte das E.L. James nicht besser lösen können?"

Es fing schon damit an, dass die beiden gerade mal fünf Tage voneinander getrennt waren, als man beschloss es noch einmal miteinander zu versuchen. Ich hätte mir da mehr Zeit für die beiden gewünscht, auch für die Dramatik während des Lesens. So war es nicht gerade glaubwürdig gelöst und der Auftritt im Spielzimmer zum Ende des ersten Teils erscheint auf einmal als Lappalie.
Was mich auch total nervte, war die unglaubliche Übertriebenheit, die die Autorin ihren Figuren auferlegen musste, welche ich im vorangegangenen Teil nicht so stark wahrgenommen hatte. So ist es einfach nur lächerlich, dass Christian ein ganzes Verlagshaus kaufte, um Ana auch bei der Arbeit kontrollieren, beschützen oder was auch immer konnte. Genauso lachhaft ist, dass wirklich jede Frau, die Christian erblickt, scheinbar geblendet wird, Gefahr läuft ohnmächtig zu werden, ihr die Augen heraus ploppen oder sie ihn am liebsten auf der Straße vernaschen will. Entweder gibt es in Seattle und Umgebung nur blöde Naivchen oder wahrscheinlicher Christian ist ein Mann, der nur in einer Fiktion existieren kann. Zum Glück!
In seiner Familie wimmelt es auch von perfekten Gutmenschen, die riesige Charityveranstaltungen in ihrem 10 Millionen Dollar Anwesen abhalten, zu denen reihenweise Hollywoodstars und Olympioniken aufkreuzen. Ja klar! Es fehlte nur noch, dass Christian an den Sonntagen als Berater des Präsidenten fungiert und sich mal eben den Schlüssel für das Oval Office ausleihen kann, um zusammen mit Anastasia dort den Schreibtisch auf Stabilität auszutesten. Das kommt vielleicht im nächsten Band...
Wohl den größten Bären bindet uns die Autorin aber auf, in dem sie Ana nach einer Woche als Praktikantin gleich zur Cheflektorin aufsteigen lässt und Christian, nachdem er 8 Stunden lang nicht erreichbar war, als vermisst gemeldet in den Abendnachrichten erscheint. In welchem Paralleluniversum ist das denn möglich?
Ab und zu werden dann auch logische und physikalische Begebenheiten über den Haufen geworfen. Ein Beispiel: Christians Kopf liegt auf ihrem Bauch, seine Hand umfasst ihre Brust und sein Bein liegt über ihren Beinen. Mr. Grey scheint auch ein Schlangenmensch zu sein. Die Tage von Ana und Christian scheinen mindestens 40h zu besitzen, soviel passiert in ihnen. Im Buch werden für die ersten beiden Tage über 200 Seiten verwendet. Von der ganzen Gefühlsachterbahnfahrt will ich gar nicht erst anfangen!

Aber es gab auch Dinge, die ich nicht so sehr verteufeln möchte. Anastasias Wendung zu einer selbstbewussteren Frau, die Christian endlich mal Paroli bieten konnte, hat mir gefallen. Weniger hingegen ihre nervigen Gefühlsmonologen und das Göttinnengequatsche. Höchst eigenartig fand ich auch, dass sie Pferde als vierbeinige Ausgeburt Satans bezeichnete. ^^
Nach wie vor sehr unterhaltsam waren die Mails und Neckereien der beiden. Die romantischen Momente und Christians Seelenstriptease waren Dinge, die auf jeden Fall ins Herz gingen. Obwohl mir der Satz "Ich liebe dich, Ana/Christian" definitiv zu inflationär gebraucht wurde. Die Sexszenen haben ihre heißen Momente, aber auch leider quantitative Aneinaderreihungen, die mit der Zeit langweilig wurden.
Die 600 Seiten an sich wurden jedoch nicht so schnell zäh, dafür sorgten schon die aufkommenden Wendungen, mit denen man nicht unbedingt gerechnet hätte. Für immer neue interessante Aspekte sorgten auch Leila, Christians zombieartige Ex-Sub, Misses Robinson und Anas perverser Chef Jack, der im nächsten Band noch für Wirbel sorgen wird.

"Shades of Grey" erzählt die Geschichte einer Beziehung, welche jenseits vom Einheitsbrei geschrieben steht. Das ist ihr großes Plus. Wer den ersten Teil verdammte, der ist selbst Schuld, wenn er sich auch noch den zweiten zulegt. Wer, wie ich, durchaus Gefallen an "Geheimes Verlangen" fand, könnte vielleicht enttäuscht werden. Ein Indiz dafür ist schon das grammatisch fragwürdige BILD-Zitat auf dem Backcover: "Dieses Buch ist schärfer als Porno."
Na, wenn das mal keine Warnung ist! 

Wertung 3/5

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