Sonntag, 4. Mai 2014

2/5 für "Vor uns die Nacht" von Bettina Belitz

Vor uns die Enttäuschung...



Einen Roman von Bettina Belitz zu rezensieren, fällt mir stets sehr schwer, da der Druck, der Autorin, ihrem wundervollen Sprachstil und der Geschichte gerecht zu werden, enorm erscheint. Zum ersten Mal ist es für mich nicht allzu schwer, denn zum ersten Mal hat mich ein "Belitzsches Werk" enttäuscht.

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Die 21-jährige Ronia steht unter der Fuchtel ihrer Eltern, als Pfarreheleute sind die Leonhards strenge und gläubige Leute, die von ihrer Tochter ein gewisses Maß an Anstand erwarten. Dem nicht genug, scheinen auch Ronias Mitbewohner Jonas und ihre beste Freundin Johanna immer ein kritisches Auge auf sie zu werfen. Ganz besonders als Ronia den stadtbekannten Stricher und Drogenabhängigen Jan trifft und eine Obsession für ihn entwickelt.


Mittlerweile ist dies der zweite Roman für junge Erwachsene, der ohne fantastische Elemente auskommen muss, dass Bettina Belitz auch damit überzeugen kann, hat sie für mich mit "Linna singt" bewiesen. Doch für "Vor uns die Nacht" hatte ich mir eigentlich etwas anderes vorgestellt. Die Coveraufmachung und die Inhaltsangaben haben mich in die Irre geführt und lenken von einer Story ab, von der ich mich nach dem Auslesen ernsthaft fragen muss, ob sie eigentlich romanwürdig ist. Das klingt sehr hart und es tut mir in der Seele weh, da Bettina Belitz nach wie vor zu meinen Lieblingsautorinnen zählt, doch für mich viel die Umsetzung nicht überzeugend aus.
Von hier an werde ich ein paar inhaltliche Schwerpunkte verraten, wer das Buch noch nicht gelesen hat und dies noch möchte, sollte also lieber nicht weiterlesen!

Doch ich fange erst einmal harmlos an. Die Autorin ist bekannt für ihre starken, weiblichen Charaktere, die gerne zu irrationalen Handlungsweisen tendieren. Ronia bildet da keine Ausnahme, was ich an ihren Vorgängerinnen noch als gescheit empfand, war es mir oft sehr unangenehm zu lesen, wie Ronia bewusst jedem in ihrem Umfeld vor den Kopf stößt, um zufällige Begegnungen mit Jan zu inszenieren. Dies könnte vielleicht aufopfernd und unglaublich romantisch sein, wenn zwischen den beiden etwas passiert wäre, doch Ronia entwickelt dieses stalkerhafte Verhalten schon zu beginn. Dafür blieb Jan sehr blass und ist mehr Schein als sein.

Was mich zur wohl größten Schwachstelle des Romans führt: Ich habe den beiden ihre Beziehung, oder was auch immer sie verband nicht abkaufen können. Klar, kann man sich so kennenlernen, daran habe ich nichts auszusetzen, was mich nicht überzeugte, waren die Gefühle, welche Bettina Belitz versuchte zwischen Ronia und Jan entstehen zu lassen. Sie kamen nicht bei mir an. Das Kribbeln und Mitreißende ihrer Vorgängerpaarungen fehlte hier absolut. Erotik? Fehlanzeige! "Vor uns die Nacht" ist ja auch eigentlich ein Jugendbuch. Zwar traut die Autorin sich viel mehr als in ihren bisherigen Büchern. Doch vor lauter Andeutungen und angeblicher Tabus blieb die Romantik versteckt.     
Da fieberte ich eher mit Jonas und Johanna, welche sich für mich unüberraschend fanden. Nachdem, mit ganz viel Fremdschämen, Ronia doch noch die "vernünftige Lösung: Jonas" ausprobieren musste. So viel Sprunghaftigkeit zeugt eigentlich nur von Charakterschwäche.

Diese kam auch bei rassistischen Witzen zum Vorschein oder bei Ronias möglicher Schockdiagnose MS (ob sie wirklich krank ist, bleibt offen). Ich denke, nicht dass es die Absicht der Autorin war, Menschen mit dieser Krankheit „sabbernde, an den Rollstuhl gebundene“ Individuen zu nennen, doch dass Ronia trotzdem diese Worte benutzt, hat einen bitteren Beigeschmack und ist sicher für alle Menschen, die damit leben müssen, ein Schlag ins Gesicht - egal wie die ursprüngliche Intension der Autorin ausfiel.

Ebenso wenig durchdacht, war das "große Geheimnis" der Leonhards, welche für mich die wohl schlimmsten Eltern seit langem Lesen darstellten! Ihr Verhalten sollte mit einem früheren Kindesverlust erklärt werden, der aus heiterem Himmel kam und mich einfach nur Kopfschütteln ließ. Erst einmal ist dies leider kein seltenes Schicksal und wurde scheinbar unzusammenhangslos als Rechtfertigung für Ronias Aussetzer und die ihrer Eltern missbraucht.

Diese gewichtigen Themen bildeten einfach keine Einheit, sondern standen oberflächlich im Raum und es blieb der Leserschaft überlassen, ob man dies so hinnehmen möchte. Ich kann es nicht, da ich weiß, was zu Schreiben die Autorin im Stande ist. Ich hoffe, dass sie sich für ihr nächstes Werk wieder auf die Chemie ihrer Protagonisten besinnt und nicht darauf, wie man möglichst vielen vor den Kopf stoßen könnte...

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