Dienstag, 11. Juni 2013

"Scherbenmond" von Bettina Belitz

So sexy und zum Glück nicht prüde!

 Elli ist verzweifelt, erst verschwindet Colin aus ihrem Leben und dann auch noch ihr Vater. Nachdem merkwürdige Botschaften ihres Vaters ins Haus flattern macht sie sich auf den Weg zu ihrem Bruder Paul. Doch der hat sich in Hamburg komplett verändert. Elli versteht die Welt nicht mehr. Zusammen mit Tillmann ahnt sie, dass nur ein Mahr hinter dem veränderten Paul stecken kann. Eine aufreibende Befreiungsaktion beginnt.

Die Besonderheit "Scherbenmonds" ist seine absolute Sexiness. Hier regiert keine falsche Prüderie oder Keuschheit, sondern ein reales Verlangen der Protagonisten füreinander. Die Dinge werden beim Namen genannt und nicht blumig umschrieben. Das mag für einige sonderbar oder verstörend sein, aber es ist etwas besonders, was in den wenigsten "Jugendromanen" so auf den Punkt gebracht wird. Wenn die Protagonistin sich über ihr erstes Mal, Orgasmen und Selbstbefriedigung offenbart, dann trifft das genau den Zahn der Zeit für eine 19-Jährige und man findet sich als Leser in diesem Alter darin absolut wieder, während ein 14-jähriges Mädchen vielleicht erstmal mit diesem Thema überfordert sein wird. Das ist sehr mutig von Bettina Belitz und ich finde, dass ihr Buch und die Figur der Elli dadurch an Tiefe und Glaubwürdigkeit gewinnen.

Zu den sehr starken Szenen des Buches, die Beklemmung und Gänsehaut hervorrufen, gehört Collins Erinnerungsszene aus dem Konzentrationslager, die einfach nur schrecklich ist, mich zum Nachdenken anregte und sehr traurig machte. Die Beschreibungen der Filmaufnahme, welche Pauls Mahr aufdecken sollte, fand ich sehr gelungen und atmosphärisch dicht geschildert. Dies abends zu lesen war sehr schaurig, weil die Szene direkt in den Kopf geht. Kompliment an die Autorin.

Schwergetan habe ich mich mit der teilweise wirren Handlung und der Motivation einzelner Charaktere. Es passiert sehr viel und Elli sucht sehr viele Menschen auf (zum Beispiel Dr. Sand aufgrund eines offensichtlich falschen Jobangebots), ohne dass man die Beweggründe dahinter versteht und was diese mit dem Verlauf der Handlung gemein haben. Einige Erklärungen dazu scheinen auch nicht ganz schlüssig zu sein. Zum Beispiel warum Elli nachdem ersten Schlüsselerlebnis auf Trischen keine menschliche Nähe mehr zulassen kann und tagelang komatös dahinsiecht. Man muss sich auf die Geschichte und die Erklärungen einlassen, um sich damit zufriedengeben zu können. So auch am Ende dem großen Showdown des Buches, wo alles nach fast 700 Seiten sehr schnell geht und die Logik dabei schnell baden gehen kann. Wie gesagt man muss sich voll und ganz auf die Handlung und die dargebotenen Erklärungen einlassen, um mit dem Plot zufrieden zu sein.

Einige Parts kommen sogar sehr traumartig daher, so schleierhaft sind sie geschrieben. (Damit meine ich aber nicht die tatsächlich Traumschilderungen.)
Ich kann nicht genau ausmachen, ob mir "Splitterherz" besser gefiel. Beide Bücher lassen sich schwerlich vergleichen, da sie natürlich eine ganz andere Handlung und ein ganz anderes Entwicklungsstadium der Protagonisten beinhalten. Punktabzug gibt es wegen der Irrungen und Wirrungen der Handlung.
Doch wenn man den Buchdeckel von "Scherbenmond" zu geschlagen hat, ist das Gefühl da, etwas ganz besonderes gelesen zu haben.
Ein Buch das neben einer tollen Geschichte noch viel mehr mitgibt.

Wertung 4/5

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